Kategorie: Von der Tageskarte

Kaum passiert, schon gebloggt

Enter the Light

So lautet die Aufforderung zum Betreten der Website des amerikanischen Malers, Illustrators und Bildhauers Marshall Arisman. Tatsächlich wirken viele seiner Werke eher düster als licht und erinnern in Komposition und Stil bisweilen an die Gemälde Francis Bacons. Ich wurde zum ersten Mal durch eine Cover-Illustration des internationalen Grafik-Design-Magazins Graphis auf ihn aufmerksam.

Passt recht gut in die letzten dunklen Monate des Winters, finde ich. Aber jetzt kann es langsam wirklich mal wieder etwas heller werden.

Arisman Intro

Punktlandung

Bei meinen gelegentlichen Streifzügen durch skandinavische Supermärkte nach gelungenem oder ungewöhnlichem Verpackungsdesign bin ich auch in meinem diesjährigen Jahresendurlaub wieder fündig geworden. In der Getränkeabteilung einer Filiale der dänischen Supermarktkette »Kvickly« zog eine ganz besondere Bierflasche meine Aufmerksamkeit auf sich.

Zunächst dachte ich, es handele sich um einen Fehldruck, denn das Frontetikett erscheint nahezu unbedruckt: die knappe Inhaltsbezeichnung »Øl« (Bier) im Fußbereich des goldenen Zierrahmens ist der einzig lesbare Aufdruck. Jedenfalls für Sehende. Denn das Etikett ist sehr wohl beschriftet – im erhaben geprägten Punktraster der Blindenschrift Braille.

Die dänische Brauerei Midtfyns brachte am 31. August 2009 anlässlich des 200. Geburtstages von Louis Braille, dem Erfinder des Blindenalphabets, dieses eigens gebraute Bier in limitierter Auflage auf den Markt. 2 Kronen (ca. 25 Cent) pro verkaufter Flasche gehen an den Dänischen Blindenverein »Dansk Blindesamfund«, darüber hinaus sind via SMS an eine eigens eingerichtete Nummer Spenden über 10 Kronen je gesendete Nachricht an dieselbe Organisation möglich. Zwar liefert ein kleines Klebeetikett auf der Rückseite auch die nötigen obligatorischen Inhalts- und Mengenangaben für Sehende, doch die Braille-Informationen auf dem Frontetikett wurden bewusst nicht »übersetzt« – um Kunden und Konsumenten zu einer Beschäftigung mit der Blindenschrift und der besonderen Lebenssituation der Betroffenen anzuregen.

Nicht nur als Liebhaber guter und außergewöhnlicher Biere und als Grafik-Designer bin ich von dieser Idee und ihrer Umsetzung begeistert. Sie beweist, wie es mit einfachsten Mitteln abseits üblicher Betroffenheitskampagnen möglich ist, sogar beim Einkauf im Supermarkt auf sozial relevante Themen hinzuweisen, dabei Gutes zu tun und (Genießern) eine interessante Produktneuheit anzubieten. Mehr davon – und bitte nicht nur in Dänemark!

Blindenbier

Zu Weihnachten

Dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke hat eine sehr tiefe und persönliche Bedeutung für mich. Ich möchte es hiermit allen regelmäßigen und zufälligen Besuchern dieses Blogs ans Herz legen und wünsche allen ganz eigene, schöne und geruhsame Weihnachtstage.

Man muss nie verzweifeln,
wenn einem etwas verloren geht,
ein Mensch, oder eine Freude oder ein Glück;
es kommt alles noch herrlicher wieder.
Was abfallen muss, fällt ab;
was zu uns gehört,
bleibt bei uns,
denn es geht alles nach Gesetzen vor sich,
die größer als unsere Einsicht sind
und mit denen wir nur scheinbar
im Widerspruch stehen.
Man muss sich selber lieben
und an das ganze Leben denken,
an alle seine Millionen Möglichkeiten,
Weiten und Zukünfte,
dem gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt.

(Rainer Maria Rilke)

Cone Nebula
Photo: «Cone Nebula (NGC 2264) – Star-Forming Pillar of Gas and Dust«
Source: www.hubblesite.org | Copyright Notice
Credit: NASA, H. Ford (JHU), G. Illingworth (UCSC/LO), M.Clampin (STScI),
G. Hartig (STScI), the ACS Science Team, and ESA

… spring!

Wieder so ein Hype auf twitter. Nennt sich formspring und ist quasi so etwas wie Zuschauertelefon im Internet. Scharenweise eröffnen twitter-User derzeit Frageseiten und stellen sich willig der Neugier ihrer Follower und Fans. Die Idee: User stellen anonym oder namentlich den dort präsenten Nutzern beliebige Fragen. Antworten ist freiwillig und ohne Zeichenbegrenzung möglich. Und obwohl ich zunächst den Vorsatz habe, mich dem nicht anzuschließen* (brechen kann man ihn immer noch später), stockt mir der Atem, wenn ich dort so wunderbare Sätze wie diese hier lese, verfasst von @silenttiffy:

(…) Überall trifft man Menschen, mit denen man keine (zurückliegenden) gemeinsamen Erlebnisse hat. Es gibt keine gemeinsame Vergangenheit, keine gemeinsamen Gespräche, keine gemeinsam geheilten Wunden, nichts, keinen Boden, auf dem Freundschaft oder Liebe wachsen könnte, nichts was man miteinander teilen könnte außer dem Augenblick, in dieser nackten Situation der Unvertrautheit, in den Momenten des Argwohns, der blinde Zuneigung spielt, wo überhaupt keine sein kann. (…)

Das zeigt, was formspring sein kann – wenn die Antwort mehr ist als bloße Information, wenn die Frage nicht beantwortet, sondern entgegnet wird, wenn es jemand tut, der sich der Entgegnung widmet, schreiben kann und sich Zeit dafür gönnt. Solche Antworten machen die Frage fast irrelevant – weshalb ich sie dem Zitat auch nicht vorangestellt habe.
Kurz und lustig geht auch auf twitter.

Springform
* Genährt wird dieser Vorsatz – ich gebe es zu – auch ein wenig von der Tatsache, dass die ersten fünf Buchstaben von formspring auch die meinigen sind. Ich weiß jetzt, wie Frauen sich fühlen, wenn auf einer Party eine Andere mit demselben Kleid auftaucht.

Original Photo: © robbplusjessie on flickr | Licensed under CC BY-NC-SA 2.0